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www.ArtNet.de 21.03.2006
European Kunsthalle Köln. Steilvorlage zur Selbstreflexion
Die Kölner „European Kunsthalle“ ist zweifelsohne eine besondere Einrichtung, die sich von anderen Kunsthallen vor allem dadurch unterscheidet, dass sie materialiter nicht existiert. Freilich verzichtet die selbsternannte Kunststadt Köln nicht schon seit jeher als eine der wenigen Großstädte im deutschsprachigen Raum auf eine derartige Institution. Seit den 1960er Jahren war die zentral gelegene Josef-Haubrich-Kunsthalle Austragungsort zum Teil Epoche machender Ausstellungen von mittelalterlicher bis zeitgenössischer Kunst, doch wurde sie im November 2002 als Resultat einer der zahlreichen kulturpolitischen Fehltritte der vergangenen Jahre abgerissen.
In Anlehnung an die klaffende Baulücke, die entgegen der ursprünglichen Pläne, dort ein Kulturzentrum bis 2006 fertig zustellen, nun doch nicht in absehbarer Nähe bebaut werden sollte, initiierten zahlreiche Kulturschaffende der Stadt kurzerhand den Verein mit dem nahe liegenden Namen „Loch e.V.“ und nahmen die Operation Kunsthalle selbst in die Hand. Im Jahr darauf wurde die Öffentlichkeit erstmals mit der Idee einer „Europäischen Kunsthalle Köln“ vertraut gemacht, und 2004 war es dank großzügiger Spenden und Kunstauktionen sogar möglich, den Posten des Gründungsdirektors dieser wie auch immer zu konkretisierenden Institution zu finanzieren.
Im März 2005 war es dann soweit. Mit der Benennung des Kurators Nicolaus Schafhausen, der bis dato als Leiter des Frankfurter Kunstvereins bemerkenswerte Arbeit geleistet hatte, wurde ein Aufsehen erregender Coup gelandet. Der gefühlte Enthusiasmus für die Sache verschwand noch im Laufe des letzten Jahres. Mitverantwortlich für diese Entwicklung war sicherlich auch Schafhausens eigene Entscheidung, zusätzlich zu dem hiesigen Engagement die Direktion des Rotterdammer Kunstforums „Witte de With“ zu übernehmen und gleichzeitig in Köln ein Team um seine langjährige Frankfurter Assistentin Vanessa Joan Müller zu installieren.
Seit dem ersten März nun folgen den Personaldebatten schließlich Taten: Mit „Under Construction“, einem Veranstaltungsmarathon mit 31 Stationen, jeden Abend im März eine Veranstaltung, stellen beide erstmals ein gemeinsam erarbeitetes „Kunsthallenprogramm“ auf die Beine. „Einen Monat lang“, so ist der Einleitung der Programmzeitung zu entnehmen, „präsentieren und diskutieren Vertreter unter anderem aus Kunst, Kunsttheorie, Ökonomie und Architektur Aspekte des zeitgenössischen Kunst- und Kulturbetriebs, die uns wesentlich erscheinen, wenn es um das Projekt European Kunsthalle geht.“
Bislang, mehr als die Hälfte der Strecke ist zurückgelegt, verspricht lediglich der erste Teil des Vorhabens aufzugehen. Zwar wurden in dieser dicht gedrängten und facettenreichen Veranstaltungsreihe schon sämtliche Koordinaten des Kunstbetriebs angesprochen – aus den Blickwinkeln z.B. der Kunsthistorikerin (Irit Rogoff), der Museumsdirektorin (Barbara Steiner), des Kurators (Roger M. Buergel) und der Künstler (Elmgreen & Dragset), des Sammlers (Harald Falckenberg), des Architekten (David Adjaye) oder des Urbanisten (Philipp Oswalt) –, doch droht das allabendlich wachsende Geflecht aus Analysen und Erzählungen den Blick für die programmatischen und pragmatischen Schwerpunkte des eigentlich anvisierten Fernziels zu trüben. In der Regel sind die Vorträge und Gespräche in sich geschlossene Programmpunkte, deren jeweiliger Link zur „European Kunsthalle“ von den Gastgebern, falls überhaupt, lediglich mit einem Satz angedeutet wird.
Zugegebenermaßen ist bei einer Institution, die ihrem Selbstverständnis nach entlang sämtlicher kunsttheoretischen, marktspezifischen, kultur- und standortpolitischen Fluchtlinien verläuft, die Nähe zu all jenen Themenkomplexen keine allzu große Überraschung. Dass dabei die noch vor Jahresfrist vergleichsweise entschieden formulierten Forderungen und Gegenvorschläge weniger forciert denn diversifiziert werden, dürfte letztlich vor allem den Entscheidungsträgern, die das Fiasko zu verantworten haben, entgegenkommen: Die Kinder gehen in ihre temporären Zimmer, beschäftigen sich mit ihren Rahmenbedingungsspielchen und geben nun endlich Ruhe.
Noch im vergangenen Jahr wurden ein Kongress über Standortpolitik für Herbst 2005 bzw. ein Symposium für dieses Frühjahr anvisiert, und gewiss wäre eine dementsprechende Konzentration der Beiträge für die öffentliche Debatte zuträglich gewesen. So aber hält sich die Berichterstattung über „Under Construction“, selbst auf lokaler Ebene, bislang arg in Grenzen; hochrangige Vertreter aus Politik und Kultur lassen sich – wie es so schön heißt – nur sporadisch bei den Veranstaltungen blicken, denen in der Regel weniger als 40 Zuhörer lauschen. Lediglich der Blockbuster-Abend mit Roger M. Buergel – als künftiger Documenta-Leiter eine sichere Bank – und die bis dato einzige Köln spezifische Podiumsdiskussion vermochten etwa viermal so viel Leute zu mobilisieren.
Die Verwunderung im Auditorium war spürbar, als bei letzterem Anlass von Veranstalterseite etwas überraschend, doch nicht das erste Mal, die Gelegenheit wahrgenommen wurde auch den Rahmen, sprich die Kunsthalle selbst, in Frage zu stellen. Die Verlockung, als Leiter einer nicht existenten Einrichtung die traditionell von Künstlerseite gepachtete Rolle des Institutionskritikers zu übernehmen, scheint für den derzeitigen Direktor der „European Kunsthalle“ Nicolaus Schafhausen recht groß zu sein. So sollte man sich also nicht erstaunt die Augen reiben, wenn aus der Steilvorlage zur Selbstreflexion und der Eigendynamik des daraus resultierenden Prozesses am Ende die Erkenntnis stehen sollte, dass eine Kunsthalle in Köln eigentlich nicht vonnöten ist.
Wolfgang Brauneis
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